2018, Dezember 4

Acht neue Stolpersteine - Mahnmal gegen Nazi-Terror erweitert

Am 4. Dezember 2018 ist die Anzahl der Stolpersteine in Siegburg auf über 80 gestiegen. Der Künstler Gunter Demnig verlegte an den letzten Wohnadressen von sechs Frauen und zwei Männer die aus Beton und Messing gefertigten Gedenksteine. An der Verlegung des Stolpersteins für ihre Großmutter Julie Seelig im Brauhof nahm deren Enkelin Gaby Newfield persönlich teil. Sie war extra aus New York angereist. Julie Seeligs Ehemann Salomon Seelig war von 1895 bis 1933 Lehrer an der jüdischen Schule in Siegburg, beide wurden 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und starben dort.

Samuel Cohn, Jahrgang 1885, ist Pferdemetzger und hat sein Geschäft in der Scheerengasse 4. In die Stadtgesellschaft ist der gebürtige Geistinger bestens integriert. 1925 wird er für 25-jährige Mitgliedschaft im Siegburger Turnverein geehrt. Mit Selma Schwarz, nach der Heirat Cohn, hat er drei Kinder: Hans, geboren 1921, starb 1936 in einer Bonner Anstalt. Der gleichalte Ernst verstarb im dritten Lebensjahr. Schließlich Ilse, Jahrgang 1925.

1934/35 ist die Pferdemetzgerei noch im Siegburger Adressbuch aufgelistet. In der Pogromnacht zersplittern die Cohnschen Schaufensterscheiben. Samuel wird zwei Wochen in Dachau inhaftiert, kann deshalb sein Gewerbe nicht mehr ausüben. Ziemlich genau vor 80 Jahren, am 12.12.1938 findet sich ein das Erlöschen des Betriebs beschreibender Eintrag im Gewerberegister. Selber abgemeldet hat er sich nicht. Auch das ist vermerkt.

Über das Lager Much, wohin die Spur 1941 führt, gelangen Samuel, Selma und Ilse zur Deutzer Messe, dann mit dem Güterzug weit nach Osten. Sie werden am 24. Juli 1942 gemeinsam mit 32 anderen Siegburger Juden im Kiefernwald von Blagowtschina nahe Minsk ermordet.

Eduard Feith führt in dritter Generation das "Manufaktur- und Konfektionsgeschäft A. Feith" in der Holzgasse 27. Feith heiratet im Mai 1928, da ist er 32 Jahre alt, Emma Hochstädter aus dem pfälzischen Lampertheim.

In der Reichspogromnacht kommt er in Haft, vom 15. November 1938 bis Ende Februar 1939 wird er in Dachau festgehalten. Auf Druck der Häscher gibt er sein Geschäft auf. Seine Frau wandert im Juli 1939 nach Mansfield in Großbritannien aus, sie überlebt den Holocaust, ist 1965 in London ansässig. Vermutlich wollte er nachkommen, schaffte es aber nicht rechtzeitig...

Eduard Feith muss 1941 ins Judenhaus in die Brandstraße 44 umsiedeln. Abtransport zur Deutzer Messe im Juli 1942, im Güterwaggon mit mehr als 1.000 Leidensgenossen wird er von dort nach Minsk verfrachtet und nur zehn Kilometer entfernt, im Wald bei Blagowtschina, ermordet.

1871, im Jahr der Reichsgründung, erblickt Emma Cahn in Siegburg das Licht der Welt. 1900 heiratet sie in ihrer Geburtsstadt David Wolf (genannt "Jülich"), laut Einwohnermeldekartei ist er Geschäftsreisender und Artist. Das Paar hat drei Kinder: Mary, Hans und Ernst.

Spätestens seit dem Ersten Weltkrieges ist Emma Wolf auf sich allein gestellt, der Ehemann ist 1918 "seit vielen Jahren fort". In der Holzgasse 49 führt sie einen Milchhandel. Im Adressbuch 1934/35 findet sich der Eintrag "Wolf-Jülich, Emma, Wwe., Milchhandel".

Die betagte Frau wird später vom Sammellager in Much nach Deutz und dann weiter nach Theresienstadt gebracht. Im Stolperstein ist das traurige Ende eingraviert: "1942 in Treblinka ermordet". Ihre Söhne ereilt dasselbe Grauen. Recherchen des Kreisarchivs ergeben, dass der 1902 geborene Hans von Köln nach Riga deportiert wird, wo sich die Spur verliert. Der drei Jahre jüngere Ernst fällt in Sobibor den Unmenschen zum Opfer.

Vor der Holzgasse 31 liegt der Stolperstein für Sibylle "Billa" Oswald. Als ihr Mann Eduard 1906 mit 51 Jahren stirbt, führt sie die Metzgerei bis in die 1920er Jahre allein weiter. In den Siegburger Adressbüchern von 1930 und 1934/35 wird sie mit dem Zusatz "ohne Beruf" geführt. 1940, da ist sie 75 Jahre alt, als "Rentnerin".

Nach der Pogromnacht und der sich verschärfenden Judenverfolgung beginnt ein dramatischer Umzugsmarathon. Billa Oswald wechselt zweimal innerhalb der Holzgasse die Wohnung, zieht zunächst in die Nummer 43, wo Rosa Bock ein Lebensmittelgeschäft führt, dann in die 31, ins Haus des ehemaligen Schuhhändlers Leo Müller.

1941 verzieht sie an den Niederrhein, lebte erst beim Schwiegersohn in Krefeld, schließlich in Rheydt. Am 25. Juli 1942 wird sie in den Deportationszug ins Ghetto Theresienstadt gezwungen, zwei Monate später ermorden die Nazis sie in Treblinka. Von ihren vier Kindern Erna, Gustav, Hedwig und Otto kommen die beiden mittleren in Vernichtungslagern im Osten ums Leben.

Wir laufen ein Stück heraus aus der Innenstadt, von der Holzgasse in die Brandstraße 42/44. In den Jahren 1941/42 bezeichnete man die Gebäude als "Judenhäuser". Hier lebte Else, genannt Elsa, Koppel, geboren am 28. Mai 1901 in Schneffelrath, Umzug nach Siegburg 1908. Elsa Koppel hatte einen Bruder und eine Schwester. Den zwei Jahre älteren Paul, der die Metzgerei des Vaters übernahm, und Paula, vier Jahre jünger. Elsa ist unverheiratet.

Vier bis sechs Personen teilten sich in der Brandstraße 42/44 einem Raum. Nur drei der Kasernierten überlebten den Holocaust. Die Geschwister Koppel gehörten nicht dazu.

Elsa und Hugo gelangten über das Sammellager in Much und die Kölner Messehallen nach Weißrussland. Am 24. Juli 1942 wurden sie im Wald von Blagowtschina (Maly Trostinec) erschossen oder erstickten in einem der Gaswagen, die zwischen dem Minsker Bahnhof und der Exekutionsstätte eingesetzt wurden. Und Paula? Ihren letzten Weg traten die Geschwister wohl zusammen an. Denn die vom Mucher Lager nach Köln fahrenden Lastwagen stoppen jeweils in der Brandstraße, sodass Paula am 19. Juli 1942 dazu stieg und sich ab Köln im selben Deportationszug befand.


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Bild vergrößern Stolpersteinverlegung am 4. Dezember 2018  

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Bild vergrößern Julie Seelig  

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Bild vergrößern Samuel, Ilse und Selma und Ilse Cohen  

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Bild vergrößern Eduard Feith  

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Bild vergrößern Emma Wolf  

09.12.2018 - Stolperstein-oswald

Bild vergrößern Sibylla Oswald  

10.12.2018 - Stolperstein-Koppel

Bild vergrößern Elsa Koppel