2019, August 01

"Wir sind sehr dankbar und froh, dass die ganze Archivarbeit in diesem Stein endet", sagte Evamaria Bräuer im Namen der Angehörigen von Aron Dunajewsky. Dunajewsky war Bräuers Adoptivopa – und ein von den Nazis ermordeter Jude. Am 1. August 2019 verlegte der Künstler Gunter Demnig vor Dunajewskys letzter Wohnadresse, dem Haus Kaiser-Wilhelm-Platz 11, den ersten von insgesamt sieben neuen Stolpersteinen. Damit erinnern nun mehr als 90 an die Schicksale Siegburger Bürger in den Jahren 1933 bis 1945.

Den Stolperstein für Paul Nachmann (1895-1942) verlegte Demnig vor der Holzgasse 24. Das Gebäude ist der letzte frei gewählte Wohnort Nachmanns, ehe er 1941 in das sogenannte Judenhaus, Brandstraße 44, ziehen muss. Am 18. Juli 1942 werden die Bewohner dieses Gefängnisses abtransportiert, in den Kölner Messehallen mit Juden der weiten Region zusammengepfercht und schließlich nach Minsk deportiert. Paul Nachmann stirbt auf der Lichtung von Blagowschtschina, 15 Kilometer von der Hauptstadt Weißrusslands entfernt. Die Exekutionsstätte, an der 35 Siegburger Juden ermordet werden, ist unter der Bezeichnung "Maly Trostinec" in die Geschichtsbücher eingegangen. Dort sterben auch Pauls Frau Paula (zog nach der Heirat 1941 aus Godesberg zu ihm in die Brandstraße) und Schwester Ella, zuletzt in Köln wohnhaft.

Pauls hochbetagte Mutter Magdalena Sara zieht nach dem Tode ihres Mannes nach Wuppertal, wird später von Düsseldorf nach Theresienstadt deportiert und am 26. September 1942 in Treblinka ums Leben gebracht. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 84 Jahre alt.

Im Oktober 1944 erobern die Amerikaner Aachen, die erste deutsche Großstadt ist von den Nazis befreit. Zur gleichen Zeit wendet sich in Chicago Erich Albert Schweitzer, der sich seit der Emigration in die Staaten Eric Albert nennt, an die Einwandererbehörde INS. Er möchte seine Mutter Paula Schweitzer, die er im Mucher Sammellager für Juden wähnt, in die USA holen. Was der Mediziner nicht weiß: Paula Schweitzer ist schon zwei Jahre tot.

Paula Marx, geboren 1884 in Siegburg, heiratet am 26. Juni 1913 den Dürener Kaufmann Salomon Schweitzer. Das Paar wohnt in Düren und Köln, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird im Stadtteil Lindenthal Sohn Erich geboren. Salomon Schweitzer zieht in den Krieg, erlebt den Alptraum der Westfront, überlebt ihn nicht. Im September 1915 fällt er an der Marne.

Seine Witwe Paula kehrt mit ihrem Kleinkind zurück in die Geburtsstadt Siegburg. Mutter und Sohn sind erst in der Holzgasse 24 gemeldet, wo auch der jüdische Lehrer Salomon Seelig lebt. Im Adressbuch von 1919 ist dort die Kurzwarenhandlung "Marx & Schweitzer" aufgelistet, 15 Jahre später liest man den Eintrag "Schweitzer, Paula, Kauffrau, Kaiserstraße 7". Erich Albert studiert Medizin in Bonn, muss 1935 wegen seiner jüdischen Abstammung das Studium abbrechen. Im August 1937 erreicht er mit dem Auswandererschiff das rettende Ufer, landet in New York.

Seit August 1939 lebt Paula Schweitzer in der Holzgasse 39, am 14. Juni 1942 schaffen sie die Schergen nach Much. Nur einen Tag bleibt sie im Lager, muss in diesen 24 Stunden die Möglichkeit genutzt haben, ihrem Sohn zu schreiben. In Bonn wird sie in einen Zug gezwungen, dessen Zielbahnhof als Synonym für die Judenvernichtung gilt: Sobibor.

Für damalige Verhältnisse spät, mit 30 Jahren, heiratet Karoline Rosenbaum im Jahr 1908 den Siegburger Fabrikarbeiter Alfred Cahn und zieht aus dem Spessart zu ihm nach Siegburg. Das Paar wechselt mehrfach die Bleibe. Von der Cecilien- in die Zeithstraße, von der Weiergasse (heute Weierstraße) zurück in die Cecilienstraße. Später, 1920, von der Aulgasse in die Luisenstraße 50.

Alfred und Karoline Cahn haben fünf Kinder. Die Älteste ist Erna, Jahrgang 1909, von der wir wissen, dass sie einen Mann mit dem Familiennamen Lazarus heiratet und 1939 in einem Gebäude in der Kölner Lützowstraße lebt, in dem auch ein israelitisches Kinderheim ansässig ist. Über die zwei Jahre jüngere Selma, das nächste Cahnkind, liegt lediglich die Information vor, dass sie 1929 einen Eduard Mertens ehelicht.

Erich Cahn, wiederum zwei Jahre jünger, ist Fellhändler, vermählt sich mit einer Karolina Wolff, lebt wie die älteste Schwester in Köln. Zwei weitere Kinder des Ehepaares Cahn, Max und Hilde, sterben einjährig.

Ob es eine Verbindung zur Reichspogromnacht kurz zuvor gibt, ist nicht überliefert: Alfred Cahn stirbt am 23. November 1938 in seiner Heimatstadt Siegburg. Seine Frau wird im Juni 1941 umgesiedelt. Wie 50 andere jüdische Mitbürger aus Siegburg bezieht sie zwangsweise Quartier im einstigen Reichsarbeitsdienstlager in Much, wo Juden des Kreises hinter Stacheldraht für das Siegburger Unternehmen "Ley und Hagen" schuften oder umliegende Felder beackern müssen, zudem noch Miete zahlen für das baufällige Camp.

Im Juli 1942 muss Karoline einen Lkw besteigen. Es ist die Abfahrt in den Tod. Über die Deutzer Messehallen gelangt sie zum Exekutionsort nahe Minsk. "Ermordet in Maly Trostinec" steht auf dem Stolperstein vor der Haus Luisenstraße 50.

Die Reichspogromnacht war an Rhein und Sieg ein Pogromtag. Wir schreiben den 10. November 1938, als das Unrechtsregime zerstört, verhaftet, mordet. Um 6.10 Uhr brennt die Siegburger Synagoge, die Feuerwehr lässt sie abbrennen, beschränkt das Feuer auf den Entstehungsbereich.

Zu den zeitgleich verhafteten Juden gehört Gustav Rothenberg, der in der Siegburger Kaiserstraße 29 ein Manufakturwarengeschäft führt. Seine zweite Ehefrau Meta Rothenberg, geborene Danelius, muss mitansehen, wie der Betrieb Dezember 1938 abgemeldet wird.

Das Paar, wohnhaft in der Zeithstraße 8, entscheidet sich nach Gustavs Freilassung nicht für die Emigration. Es wird Ende Juni 1941 mit der 13-jährigen Tochter Ruth Lina ins Lager Much eingewiesen, wo Gustav nach nur einer Woche am 3. Juli 1941 stirbt.

Man bringt Meta und ihre Tochter am 20. Juli 1942 in die Kölner Messehallen. Von hier aus rollen die Deportationszüge gen Osten los. Am frühen Morgen des 24. Juli 1942 nehmen die Unmenschen Meta und Ruth Lina am Schreckensort Maly Trostinec im heutigen Weißrussland das Leben. Ein neuer Stolperstein vor der Zeithstraße 8, dem letzten frei gewählten Wohnort, erinnert an Metas Schicksal. Die Mahnmale für Ehemann und Tochter wurden schon früher verlegt.

Hans Rothenberg überlebt den Holocaust. Gustavs Sohn aus erster Ehe, Jahrgang 1914, wandert 1936 über Holland nach Argentinien aus.

Über die Welt verstreut leben heute die Nachfahren von Wilhelmine "Minna" Walter, für die zuletzt ein Stolperstein vor der Kaiserstraße 63 verlegt wurde.

Was wissen wir über sie? Wilhelmine Friedländer kommt am 7. April 1875 in St. Tönis zur Welt. Sie heiratet den Kaufmann Bernhard Walter, zieht nach Siegburg. Anfang des 20. Jahrhunderts betreibt ihr Mann ein Bekleidungsgeschäft auf der Kaiserstraße 38. Das Haus steht nicht mehr, heute befindet sich an der Stelle der dm-Markt.

Zu Beginn der 1920er Jahre übernimmt der älteste Sohn Erich Walter das Geschäft, wirbt u.a. für Filz- und Haarhüte.

Wilhelmine und Bernhard haben insgesamt vier Kinder. Neben Erich, geboren 1902, Max (1904), Anna (1907) und Ruth (1915). Die drei Letztgenannten fliehen vor der Judenverfolgung, entgehen der Vernichtung. Max zieht es nach Südafrika, Anna und Ruth leben nach dem Krieg in New York. Erich emigriert nach Frankreich - nicht weit genug weg. Am 19. August 1942 wird er von Drancy nach Auschwitz deportiert und kommt genau einen Monat später ums Leben.

Das Schicksal von Familienoberhaupt Bernhard Walter ist unbekannt, es gibt keinerlei Spuren. Seine Frau Wilhelmine, liebevoll "Minna" genannt, sperrt man im September 1942 in Theresienstadt ein. "Ermordet 30.9.1942" lautet die Inschrift auf dem Stolperstein.


02.08.2019 - Stolperstein

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05.08.2019 - Stolperstein Nachmann

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06.08.2019 - Stolperstein Schweitzer

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09.08.2019 - Stolperstein-Cahn

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13.08.2019 - Stolperstein-Rothenberg

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18.08.2019 - Stolperstein Walter Wilhelmine

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